01 August 2008

Liebe, Kunst und Videospiele | Ein Interview mit Eskil Steenberg


Noch ein Schmankerl zum Wochenende, geneigte Leser. Heute hatte ich nämlich die besondere Gelegenheit, Eskil Steenberg, dem Alleinentwickler von LOVE, per Email einige Fragen stellen zu können - die er auch gerne und bereitwillig beantwortete. Dabei habe habe ich Love allerdings etwas außen vorgelassen und wollte stattdessen wissen, wie er die Branche, Entwickler und die Zukunft der Videospiele sieht.

neuerSpieler: Okay, Eskil, könntest du dich meinen Lesern kurz vorstellen - vielleicht etwas aus deiner Biographie, wenn du magst?

Eskil Steenberg: Klar, aber ich spreche nicht gern über mich selbst. Ich bin ein Autor, Programmierer und Grafiker.

neuerSpieler: Im Moment entwickelst du ganz alleine das beeindruckende MMO namens Love. Was macht es so anders als etwa World of Warcraft oder Age of Conan?

Eskil Steenberg: Es wird unwahrscheinlich anders sein. Es wird viel kleiner sein, keine echten RPG-Elemente enthalten und sich hauptsächlich auf das Entfalten einer ganz individuellen Geschichte fokussieren.

neuerSpieler: Einige Blogger (und auch Magazine) die über Love sprachen, bezeichneten es als Kunst – und das nicht nur wegen dem einzigartigen Grafikstil. Denkst du, dass Spiele Kunst sein können.

Eskil Steenberg: Aber natürlich. Schon allein da mein Spiel andere dazu verleitet, es als Kunst zu bezeichnen. Der Grafikstil meines Spiels ist ähnlich dem eines gemalten Bildes, das lässt schnell den Eindruck entstehen, dass es Kunst ist – doch das macht mein Spiel selbst nicht unbedingt zu Kunst, sondern wohl eher einen Screenshot davon.

neuerSpieler: Wenn Spiele also Kunst sein können, ... was wären gute Beispiele?

Eskil Steenberg: Ico, Another World und Shadow of the Colossus kämen mir spontan in den Sinn.

neuerSpieler: Die heutige Spielebranche entwickelt sich ziemlich schnell – und wird immer gewaltiger. Die Entwicklungskosten für GTA IV betrugen nahezu 100 Millionen Dollar und jenseits von den Riesen wie EA, Activision und Microsoft existieren nur wenige kleine Publisher und Entwickler, die sich auch mal an visionäre Ideen ran trauen. Meinst du, dass das der richtige Weg ist?

Eskil Steenberg: Es ist ein Weg der okay ist aber es ist bestimmt nicht der einzige. Derzeit splittert sich die Spielewelt in viele verschiedene Typen auf, dass sich die Industrie also in nur eine Richtung bewegt ist nicht ganz richtig. Was wird die Zukunft bringen? Ich weiss nicht. GTA IV mag eine gigantische Produktion gewesen sein aber kleine Projekte wie Nintendogs haben sich doppelt so gut verkauft. Aber nichts davon zählt wirklich für mich. Ich mache mein Spiel, so wie es mir gefällt und jeder andere kann seine Spiele auf seine Weise machen. Ich muss meines nicht mit dem Spiel eines anderen vergleichen.

neuerSpieler: Die meisten Game Designer sind ja 'unbekannte Typen'. Nur wenige – wie etwa Warren Spector, Peter Molyneux und Hideo Kojima – sind irgendwie berühmt. Sollten deiner Ansicht nach mehr Designer hinter den Games die wir gerne spielen Superstars werden?

Eskil Steenberg: Ich würde gerne mehr Programmierer und Künstler im Rampenlicht sehen, die Leute die wirklich das Spiel machen. Es sind zu viele Produzenten und Designer, die sich wie Rockstars aufführen, während das Team Blut und Wasser schwitzt. Ein tiefgreifendes Verständnis für Programmierung, Kunst und Design macht für mich immer noch den besten Designer. Das ist auch der Grund warum ich tiefsten Respekt für Leute wie John Carmack und Shigeru Miyamoto empfinde.

neuerSpieler: Ich glaube, du hast recht. Deswegen veröffentlichen manche Studios Videotagebücher. In diesen kommen viele der Entwickler zu Wort, sprechen über ihre Arbeit und warum diese von Bedeutung ist. Denkst du, die Leute müssten mehr über die Entwicklung der Spiele erfahren – und wie viel Arbeit darin steckt?

Eskil Steenberg: Nicht wirklich. Du musst nicht wissen, wer der Koch ist, um dein Essen zu genießen. Ich denke nur, man muss den richtigen Menschen die Anerkennung zukommen lassen. Manchmal ist es gut für die Spielewelt als eine Bewegung, interessante Menschen zu haben, die für uns sprechen können.

neuerSpieler: Dein Spiel heisst ja Love und du hasst kürzlich den Artikel verfasst 'Can gameplay make you Cry?' - eine Frage die du selbst am Ende mit 'vielleicht' beantwortest. - Entwickler wie Peter Molyneux und Quantic Dream (mit seinem Projekt Heavy Rain) möchten, dass der Spieler mit den virtuellen Charakteren mitfühlt. Sie wollen, dass der Spieler echte Emotionen erlebt, sich von den Charakteren geliebt fühlt – etwa dem Hund und Fable 2 – und traurig oder wütent wird, wenn diesen Charakteren etwas zustößt. Ist das eine sinnlose Unternehmung oder brauchen Spiele wirklich mehr 'Gefühl'?

Eskil Steenberg: Spiele die uns weinen lassen sind eine Art Heiliger Gral. Die Games die, jedenfalls nach meiner Ansicht, da am besten funktionieren, sind jene, die dich in ihre Gefühlsatmosphäre hineinziehen und weniger in die Story die von den Entwicklern vorgegeben wurde. Wenn du eine Geschichte erzählen willst, ist ein Buch oder ein Film das viel bessere Medium dafür. Ein guter Regisseure ist jemand, der über alles die Kontrolle behält und in einem Spiel wird die Kontrolle an den Spieler abgegeben. Mein Herangehen ist deshalb, nicht einfach eine Geschichte zu erzählen, sondern einen Spielplatz zu bieten, der zusammen mit den Spielern seine ganz eigene Geschichte entwickelt. So betrachtet, erschaffe ich eine Videospielversion von Reality TV. Reality TV bietet Charaktere und Geschichten die verglichen mit anderen nicht die besten sind aber sie sind 'echt' und das wiegt das alles auf. Eine Story in meinem Spiel wird nicht die tollste sein die es gibt aber es wird deine Geschichte sein und von dir handeln - und den Dingen die dir widerfahren sind. So wird sie für dich wichtiger sein als die Geschichte über irgendeinen anderen.

neuerSpieler: Wo wir schon bei Spielen und Emotionen sind. Da muss ich dich fragen: Welches sind die Spiele, die du liebst? Von welchen Spielen bist du gerade angetan.

Eskil Steenberg: Ich kann nicht sagen, dass ich gerade von irgendwas richtig gefesselt bin. Ich versuche, alles mal anzuspielen und mich nicht an einem Spiel festzuklammern.

neuerSpieler: Und was ist mit einem Lieblingsspiel überhaupt?

Eskil Steenberg: Ich würde sagen, das erste Zelda hat einen großen Eindruck auf mich gemacht. Die Komplexität in dieser Einfachheit ist exzellent. Bei Actionspielen sind Doom und Quake ganz groß und in Sachen Grafik und Sound eben Ico, Shadow of the Colossus und Another World

neuerSpieler: Und noch eine letzte Frage. Wenn Love jetzt fertig wäre. Was wäre dann dein nächster Schritt? Ein neues Spiel, vielleicht?

Eskil Steenberg: Daran versuche ich eigentlich nicht zu denken. Ich habe ganze Stapel von Designeinfällen, Ideen für Spiele und Tools und ich habe einige TV- und Filmskripte die ich verfolgen möchte. Ich würde gerne einige Leute finden, die das alles mit mir angehen würden.

Vielen Dank für das Interview, Eskil.

5 Comments:

Anonym said...

Tolles Interview. Love scheint wirklich was Einzigartiges zu werden und Eskils Meinung zu "Berühmtheiten" kann ich auch nur unterstützen. Die Programmierer hätte wirklich mehr Anerkennung ihrer Arbeit verdient.

Anonym said...

Zufälle gibts, bin nämlich heute schon bei Spreeblick drüber gestolpert und war sofort von Love begeistert. Wie hübsch das aussieht und dass der das ganz alleine programmiert. Unglaublich, das es sowas heute noch geben kann.

Danke,
Maxi

Anonym said...

Recht hat er, die ganzen Programmierer und Grafiker und Leveldesigner müßten mehr ins Rampenlicht. Typen wie CliffyB der sich aufführt wie damals John Romero sind fast schon peinlich.

Seine Ideen sind zwar toll aber umgesetzt werden sie von vielen anderen deren Namen kein Mensch weiß und beachtet.

Spike said...

Ich würde zwar gerne mehr übers Spiel erfahren aber trotzdem sehr interessant. ... kann mich ansonsten meinen vorrednern nur anschließen.

Anonym said...

Ja, sehr auschlußreich und mit der Meinung, mehr Macher müßten ins Spotlight treten, steht er weiß Gott nicht allein da. Vor allem die Programmierer sind es doch, dank denen die Computerspiele überhaupt funktionieren.

Seine Einstellung zu Ico, Shadow of Collosus und Another World kann ich ebenfalls teilen. Wenn die Computerspiele keine Kunst sind was dann.