02 Juni 2008

Werther, GTA IV und der Untergang des Abendlandes


Anno 1774. In Frankreich wird Ludwig XVI. zum König ernannt. Die 13 Kolonien veranstalten eine illustre Tee-Party und kriegen sich mit den Briten gehörig in die Haare. Und nicht zuletzt veröffentlicht ein gewisser Johann Wolfgang von Goethe einen Briefroman mit dem unscheinbaren Titel 'Die Leiden des jungen Werthers'. Letzterer war ein ziemlicher Erfolg, zog aber auch harsche Kritik und Kontroversen nach sich.

Goethe's Büchlein handelt von Werther, einem jungen Mann, den man wohl als Alpha-Version eines frühen Hippie verstehen kann. Er grenzt sich von übrigen Gesellschaft ab, hat keine hochgestochenen Ziele, liebt die Lyrik und gibt sich, wenn er denn die Muse dazu fand, seiner eigenen Kunst hin. In gerader Bahn, so könnte man sich denken, wäre der Werther zwar nicht reich aber immerhin glücklich geworden. Doch dann, wie sollte es anders sein, lernt der junge Mann eine Frau, die Lotte, kennen. Er verliebt sich Hals über Kopf, genau wie sie. Doch natürlich steht etwas zwischen den beiden: Der Verlobte von Lotte. Der heißt Albert und ist die Gutmütigkeit in Person – eine Goethe-Version von Ned Flanders, wenn man so will.

Werther versucht sich irgendwie in die verflixte Situation einzuleben, schafft es aber nicht und verschwindet. Als er Lotte später besucht, ist sie mittlerweile mit Ned Flanders Albert verheiratet – und scheinbar auch ganz glücklich. Das macht Werther zwar zu schaffen, doch er kann sich einfach nicht losreißen und bleibt. Als ihn seine Gefühle jedoch überrumpeln und er Lotto an die Wäsche will, zieht sie einen Schlussstrich und bereitet ihm eine Abfuhr. Das hat den Werther am Boden zerstört: Er gibt vor, wegen dieser peinlichen Situation am nächsten Morgen wieder nach Hause zu gehen, erschießt sich aber in der Nacht.

Soweit, so gut.

Nun ist das hier eigentlich ein Blog zu Videospielen, Spielkultur usw. usf., warum schreibe ich also über Goethe? Naja, erstens weil ich die klassische Literatur mag und zweitens, weil die damalige Reaktion auf Werther ziemlich deutliche Parallelen zur heutigen Diskussion um Killerspiele aufweist.

Ich zitiere jetzt einfach mal frei aus der Wikipedia ... (Hervorhebungen von mir)

Der Roman rief bei Kritikern wie bei Befürwortern äußerst emotionale Reaktionen hervor. Goethe stellt mit Werther eine Person in den Mittelpunkt, die den bürgerlichen Normen völlig widerspricht. Das bürgerliche Publikum sah Werther als Störer des Ehefriedens, als Rebell und Freigeist an – ein völliger Widerspruch zu ihren Vorstellungen (...) sie wollten eine Person haben, mit der sie sich identifizieren und aus deren Handlungen sie lernen konnten. Der Roman endet jedoch mit einem Suizid – nach bürgerlichen Normen unvorstellbar. Viele Bürger kritisierten Goethes Werk schlicht, weil die Hauptfigur nicht ihren Wertvorstellungen entsprach und sie ihre Normen in Gefahr sahen. Für sie stellten „Die Leiden des jungen Werthers“ einen unwillkommenen Bruch mit der traditionellen Literatur dar. Sie sahen das Buch als eine Verherrlichung von Werten an, die ihren Interessen widersprachen, sowie als Verherrlichung des Suizids.
Johann Melchior Goeze, ein lutherischer Theologe und selbsternannter Verteidiger christlicher, gesellschaftlicher Werte, schrieb etwa zu 'Die Leiden des jungen Werthers':
(...) [Ein] Roman, welcher keinen anderen Zweck hat, als das schändliche von dem Selbstmorde eines jungen Witzlings […] abzuwischen, und diese schwarze Tat als eine Handlung des Heroismus vorzuspiegeln […]. Welcher Jüngling kann eine solche verfluchungswürdige Schrift lesen, ohne ein Pestgeschwür davon in seiner Seele zurück zu behalten (...) Und keine Censur hindert den Druck solcher Lockspeisen des Satans? (...) usw. usf.
Und jetzt mal Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann im stern.de-Interview zu sogenannten Killerspielen:
Bei den "Killerspielen" geht es darum, dass die Spieler selbst zum Töten animiert werden. Sie müssen auf einen Knopf drücken. Dadurch wird etwa ein Arm mit einer Kettensäge abgetrennt. (...) Das ist pervers und gehört sofort verboten. (...) Da braucht man auch kein Gutachten. Das ist so pervers, dass es keine Alternative zum Verbot gibt. (...) Solche Spiele brauchen wir nicht! Deshalb gehören sie verboten!
Na? Genau, mal abgesehen von der Ausdrucksweise, stimmen die beiden Aussagen in Grundton, Argumenten und Forderung ziemlich überein. Aber bevor jetzt ein falscher Eindruck entsteht, ich will Doom, Quake und Co. jetzt nicht mit Goethes Werken auf eine Stufe stellen. Das wäre anmaßend und unsinnig. Und außerdem sind die beiden 'Medien' von Grund auf zu verschieden, um sie angemessen vergleichen zu können. Allerdings zeigt sich deutlich, dass stets, wenn ein Medium, eine Erzählform oder eine neue Art der 'Geschichte' in eine Gesellschaft eintritt, die ablehnenden Argumente und Forderungen anscheinend immer die gleichen sind: Es wird angeblich etwas negatives verherrlicht, die 'Jugend' wird verroht oder verführt, deshalb muss es [z.B. das Buch, das Spiel] verboten werden.

Auf der anderen Seite, konträr zu den Kritikern, stehen damals wie heute die eifrigen Konsumenten – die Leser bzw. Spieler -, die den neuen und umstrittenen Stoff aufsaugen und als interessant, bahnbrechend oder einfach nur gut empfinden. 1774 brach geradezu ein Werther-Fieber aus: Die Leute – vor allem junge - kauften das Buch wie bekloppt! Der selbstdestruktive Werther, so die Wikipedia, wurde dadurch zu einer Kultfigur. Er faszinierte, war interessant und bot manchem ein seelisches Spiegelbild.

Heute erleben wir etwas ähnliches mit Grand Theft Auto 4. Von Kritikern wird das Spiel als die Manifestation der Brutalität in Form einer silbernen Scheibe damönisiert. So sagte etwa der CNN-Kommentator Glenn Beck wörtlich, dass GTA IV "unsere Kinder zu Killern ausbilden" würde und jungen Männern beibringe, "Frauen wie Nutten zu behandeln". Andere hingegen loben den neusten Teil der Grand Theft Auto als Multimediakunstwerk, sind fasziniert von der Geschichte, Charakteren und dem satirischen Untertun. Und dass Niko Bellic, dein Alter-Ego in GTA IV, mit seinen vielschichtigen Facetten ein Teil der modernen Popkultur ist, das kann wohl keiner ernsthaft anzweifeln. Ebenso kann man auch den unglaublichen Erfolg von GTA IV - alleine am ersten Verkaufstag gingen 3,6 Millionen Exemplare über'n Ladentisch – als Parallele zu 'Die Leiden des jungen Werthers' sehen.

Killerspiele = Goethe? Nicht ganz. Natürlich nicht, aber es wird klar, dass es immer Konflikte, Diskussionen um neue Medien oder neue Formen der Unterhaltung gab, die aus zukünftiger Sicht kaum noch verständlich erscheinen. Und es wird sie wieder geben. Doch weder haben es die Kritikeres jemals geschafft, das 'Übel' zu beseitigen, noch hat ein Buch, ein Theaterstück oder eine Musikrichtung zum Untergang des Abendlandes geführt. Un so wird es wohl auch bei Videospielen sein.

Punkt!

6 Comments:

Anonym said...

Meine volle Zustimmung dazu. Diskussionen gab es immer und wird es immer geben!

Anonym said...

Starker Artikel! Es sind immer die gleichen ausgelutschten Argumente die bei solchen Debatten auf den Tisch kommen. Damals war es eben Werther, dann Jazz, Rock, Punk, Horrorfilme und jetzt die Videospiele.

Anonym said...

Ich glaube den Artikel sollte mal jemand dem Pfeiffer oder dem Beckstein zu kommen lassen.

Super Arbeit!

Anonym said...

Dein Wort in Becksteins Ohr. LOL ;)

Anonym said...

Starke Woerter und so wahr ...

Anonym said...

GTA IV Spieler -> ain't no such things as half way crooks