12 Februar 2008

Computerspiele & Kunst | Interview mit Hans-Joachim Otto


Schon seit Jahren wird darüber diskutiert, ob Computerspiele nun Kunst, bloßer Zeitvertreib oder gar Schund sind. In den USA wurde diese Frage geklärt, als die Library of Congress 2007 zehn Computerspiele in ihre Sammlung aufnahm und sie damit offiziell zum wichtigen und schützenswerten Kulturgut erklärte. Unter den Titeln sind unter anderem Tetris, Spacewar, SimCity und Doom. Letzteres wurde hierzulande nur als Beispiel für ein groteskes 'Killerspiel' angeführt und wäre nach der Forderung mancher Politiker sogar gänzlich verboten. Dennoch: Wie Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats, nun im Magazin GEE erklärte, sind auch Computerspiele-Entwickler Künstler. Darüber hinaus will die Bundesregierung bald einen Preis für Computerspiele ausloben, die pädagogisch wertvoll und damit förderungswürdig sind.

Im Zuge der Diskussion habe ich nun jemanden zum Thema befragt, der wissen muss, was Kunst und Kultur ist: Hans-Joachim Otto, Vorsitzender des Ausschusses für Kultur und Medien des Deutschen Bundestages.

neuerSpieler: Herr Otto, sie sind seit 2005 Vorsitzender des Ausschusses für Kultur und Medien des Deutschen Bundestages. Im Rahmen dieses Amtes haben sie es nicht nur mit den etablierten Medien und dem Schutz des kulturellen Erbes zu tun, sondern befassen sich auch mit neuen Bestandteilen des 'kulturellen Klimas', wie etwa Computer- und Videospielen. Welche Rolle nehmen Videospiele in ihrem Aufgabenbereich ein?

Hans-Joachim Otto: Auf politischer Ebene spielen Computer- und Videospielen vor allem im Kontext der Diskussion um den Jugendmedienschutz immer wieder eine Rolle. Es geht bei meiner Arbeit aber auch darum, insbesondere eine problematisierende Einseitigkeit zu vermeiden und die vielen anderen Facetten der Branche stärker in die politische Wahrnehmung zu rücken.

neuerSpieler: In ihrem Weblog, Ottos Weblog, schildern sie einen kürzlichen Firmenbesuch bei Crytek, der wohl international bekanntesten deutschen Spieleschmiede. Im Gegensatz zu anderen Firmen – wie Pharmaunternehmen oder Unternehmen aus der Mobilfunkbranche - finden Videospielproduzenten in der Politik und den Medien meist nur geringe Beachtung. Wie stehen sie dazu? Was muss sich ändern?

Hans-Joachim Otto: In der Tat findet die Computerspielbranche aus meiner Sicht zu wenig Anerkennung. Dabei sind die Leistungen jener, die in Forschung und Entwicklung der Spiele tätig sind, beachtlich. Crytek hat mich hinsichtlich technischer und graphischer Leistungen und auch der Spielinhalte sehr beeindruckt. Die Weiterentwicklung der Branche sollte auch nicht zuletzt im Hinblick auf wirtschaftliche und fiskalische Interessen nicht durch übertriebene Verbote oder ineffektive Jugendschutzmaßnahmen gehemmt werden.

neuerSpieler: Wenn in der Politik mal die Rede von Videospielen ist, dann wird die Debatte früher oder später auch auf sogenannte 'Killerspiele' gebracht. Diese werden von Politikern wie Herrn Schünemann und Beckstein für Amokläufe und die 'Verrohung der Jugend' verantwortlich gemacht, weshalb auch ein Verbot derartiger Spiele gefordert wird. Wie beurteilen sie die Killerspiele-Diskussion und die Einstellung mancher Kollegen?

Hans-Joachim Otto: Wie schon gesagt, halte ich grundsätzlich nichts vom Verbot bestimmter Computerspiele. Computerspiele allein machen aus Jugendlichen keine Gewalttäter. Verbote wirken sich mitunter auch kontraproduktiv aus, denn verbotene Spiele üben einen besonderen Reiz auf Jugendliche aus. Daneben wird von gesetzlichen Verboten nicht selten auch ein falsches Sicherheitssignal an Erziehende gesendet. Dabei müssen gerade Eltern selbst Verantwortung tragen, welche Computerspiele von ihren Kindern konsumiert werden.

neuerSpieler: Wie sehen sie selbst Gewalt in Computerspielen? Ist der deutsche Jugendschutz ausreichend?

Hans-Joachim Otto: Auf gesetzlicher Ebene sehe ich keinen Handlungsbedarf, da der Kompromiss zwischen Selbstbestimmung der Menschen einerseits und Vermeidung von Gewaltverherrlichung sowie Schutz von Kindern und Jugendlichen andererseits grundsätzlich tragfähig ist. Aufgabe des Staates ist es, jugendgefährdende Inhalte von Kindern und Jugendlichen fernzuhalten, ohne Erwachsene übermäßig zu bevormunden. Genau das bewirken jedoch einige Vorschläge zur Verschärfung des Jugendschutzes. Daneben garantiert Artikel 5 des Grundgesetzes die sogenannten „Kommunikationsfreiheiten“, zu denen nach herrschender Meinung auch Computerspiele gehören. Hier sind Einschränkungen gar nicht ohne weiteres möglich. Im übrigen ist Gewaltverherrlichung bereits heute verboten (§ 131 Strafgesetzbuch). Das gilt auch für Computerspiele

neuerSpieler: Nicht alle aber so einige Spielentwickler sehen ihre Werke als Kunst und wünschen sich, dass diese auch offiziell als ebensolche betrachtet werden. Auch Olaf Zimmermann, der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats, erklärte im Magazin GEE, "Computerspiele-Entwickler sind Künstler." Der Deutsche Musikrat erachtet es – zufolge von Medienberichten – hingegen als "abstrus, Computerspiele zum Kulturgut zu erheben". Sie als Experte, sehen sie Computerspiele als eine neue – interaktive - Kunstform?

Hans-Joachim Otto: Ich kann Olaf Zimmermann da nur zustimmen. Die Entwicklung von Spielen erfordert ein hohes Maß an kreativer und künstlerischer Arbeit. So wie wir heute ganz selbstverständlich Comics, Film und Video kulturellen Wert zubilligen, kann man diesen der Unterhaltungssoftware nicht von vornherein absprechen.

neuerSpieler: Und noch eine letzte Frage. Bereits im Herbst, so wurde angekündigt, will die Bundesregierung erstmals einen hoch dotierten Preis für ' pädagogisch wertvolle' und 'besonders qualitätsvolle' Videospiele verleihen. Haben sie nähere Informationen dazu? Was für Spiele werden uns dort als Preisträger erwarten?

Hans-Joachim Otto: Zumindest halte ich es für sinnvoll, die öffentliche Wahrnehmung auf die weitaus überwiegende Mehrheit der Unterhaltungssoftware-Produktionen zu lenken, in denen Gewalt keine Rolle spielt. Wie die Förderung im Detail aussehen wird, muß die Bundesregierung bzw. die Große Koalition noch darlegen. Der federführende Ausschuß für Kultur und Medien hat den Antrag jedenfalls bereits angenommen. Wir werden die weitere Entwicklung beobachten.

Vielen Dank für das Interview, Herr Otto.

Pictures by (C) id Software, (C) by Bungie, (C) by Petroglyph, (C) by BioWare

13 Comments:

Markus Geralds said...

Tolles Interview, großes Danke dafür :)

Ich kann dem Otto nur bepflichten. Es muss endlich was getan werden, um Computerspiele und die Entwickler zu fördern.

Anonym said...

Ich glaube, man müsste das differenzierter betrachten.

Wie in der normalen Kulturszene kann man auch bei Computerspielen zwischen "echter Kunst" und Schund unterscheiden. Ob man Computerspieleentwickler deshalb gleich alle als Künstler bezeichnen sollte, dass sollte man erstmal genau debattieren. Dass das Thema nun betrachtet wird ist aber generell zu begrüßen.

Fragger said...

Ich mag den Mann. Einiger der wenigen Politikern der Ahnung hat.

Gilbert! said...

Otto redet um deine Frage mit Schünemann und Beckstein drumherum. Zur Einsteillung der Kollegen hat er sich nicht geäußert. Aber seis drum. Seine Einstellung ist besser als die anderer.

Anonym said...

Killerspiele?!?! Gibts nicht!
Erst wird das Rauchen verboten. Dann das Trinken. Und dann...Computerspiele. Toll. So wirds enden.

Anonym said...

Könnte sich so mancher ruhig ein Beispiel an dem Herrn Otto nehmen. Wenn Schünneman & Co. auch Crytec besucht hätten würde sie bestimmt nicht soeinen Quatsch erzählen.

Stefan M. said...

Computerspiele kann man natürlich als Kulturgut und Kunst betrachten. Ist gar keine Frage. Doch was hätte das für Folgen? Darüber sollte man mal nachdenken.

Guck mal bei Politik.de vorbei ...

http://forum.politik.de/forum/showthread.php?t=196767

Danke,
Stefan

Alex Seidel said...

Wirklich schwer in Ordnung der Herr Otto. Tolles Interview. Sehr nützlich Infos :-)

FDP-Mitglied said...

Ich kann mich den Aussagen von Herrn Otto beipflichten. Es mag uns nicht alles gefallen was wir in den Theken der Kaufhäuser an Videospielen sehen, doch eine Verurteilung der Industrie ist da der falsche Weg. Und Verbote, da hat Herr Otto erneut Recht, schafft nur einen zusätzlichen Verschaffungsanreiz.

Guten Tag,
FDP-Mitglied

Anonym said...

Okay, Computerspiele sind also Kunst? Sind es Brettspiele dann auch?

Ich sehe hier ein zentrales Problem. Wenn man Computerspiele als Kunst betrachtet, dann muss man vieles andere auch als Kunst ansehen.

Anonym said...

Tolles Interview! Gut zu lesen, dass manche Politiker doch etwas in der Rübe haben ;-)

Anonym said...

BIn zwar spät dran aber ... der Hans hat echt recht!

Franz Scherzinger said...

Ich kann Hans J. Otto nicht in allem Recht geben aber seine Argumente sind trotzdem eine Überlegung wert. Computerspiele sollten genauer angesehen und objektiver untersucht werden.