03 Dezember 2007

Frontal21, Erfolg und Kritik | Interview mit Matthias Dittmayer

Nachdem die Redaktion von Frontal 21 mit einem Statement auf das kritische Video von Matthias Dittmayer reagierte, die betreffenden Tadel aber als "gänzlich unbelegt, nicht stichhaltig oder irreführend" abtat, habe ich mit dem kritischen Studenten ein kurzes Interview geführt. Zur Sprache kommen unter anderem auch der unerwartete Erfolg, ein mehrmals gefordertes Verbot von sog. Killerspielen und was er eigentlich so zockt.

Zufallsfaktor: Matthias, du hast mit deinem Video ganz schön für Wirbel gesorgt. Selbst bei Telepolis und Spiegel Online konnte man darüber lesen. Hast du mit einem derartigen "Erfolg" gerechnet?

Matthias: Definitiv nicht. Ich bin von einigen Hundert Zugriffen ausgegangen und habe langfristig auf ein paar Tausend gehofft. Von einer Erwähnung bei SPON ganz zu schweigen.

Zufallsfaktor: Nach den ganzen Berichten sah sich Frontal 21 offensichtlich gezwungen zu reagieren. In einer Stellungnahme ging die Redaktion bzw.Dr. Claus Richter auf die einzelnen Kritikpunkte ein und kam zu dem Schluss, dass "die Vorwürfe von Herrn Dittmayer an die Adresse von Frontal21 für gänzlich unbelegt, nicht stichhaltig oder irreführend" sind. Wie stehst du dazu?

Matthias: Die Stellungnahme erschöpft sich eigentlich darin, dass die von mir angeführten Differenzierungen als irrelevant, zynisch oder menschenverachtend abgetan werden. Die Ausführungen gehen zum Teil auch an meinen Vorwürfen vorbei. So wird beispielsweise angeführt, dass Doom 3 hätte indiziert werden müssen. Dabei hatte ich kritisiert, dass im Video der Anschein erweckt wird, dass das Spiel für Jugendliche erhältlich sei. Ich rechne Frontal21 die Stellungnahme dennoch positiv an, sie zeugt davon, dass sich die Redaktion ihren Zuschauern gegenüber für ihre Berichterstattung verantwortlich fühlt.

Zufallsfaktor: Die Reaktionen auf dein Video und die Kritik zeigen, dass das Thema "Killerspiele" noch lange nicht durch debattiert ist. Was würdest du dir im zukünftigen Umgang mit dem Thema durch die Medien – insbesondere den Öffentlich Rechtlichen – wünschen?

Matthias: Kurzfristig wäre ich zufrieden, wenn Videospiele nicht mehr aufgrund von unwahren Tatsachen diffamiert werden würden. Langfristig würde ich mir wünschen, dass die Sendungen einen gesellschaftlichen Dialog zu dem Thema ermöglichen würden anstatt die Fronten durch eine polarisierende Berichterstattung zu verhärten.

Zufallsfaktor: Wenn es die Chance zu einer Diskussionsrunde zu dem Thema gäbe, würdest du an dieser teilnehmen bzw. gab es schon derartige Reaktionen oder Anfragen?

Matthias: Solche Anfragen gab es noch nicht, auch tue ich mich schwer damit in die Öffentlichkeit zu treten. Ich selbst habe auch bei meinen Kritikpunkten zuerst versucht direkt mit den Redakteuren von Panorama und hartaberfair zu sprechen. Erst als dies zu nichts geführt hat habe ich mich dazu entschlossen das Video zu erstellen.

Zufallsfaktor: Nach dem Amoklauf von Erfurt haben einige Politiker - Günther Beckstein und Uwe Schünemann – beharrlich auf ein Verbot von sog. "Killerspielen" gepocht. In Interviews zeigte sich allerdings, dass diese offensichtlich keine korrekte Vorstellung von Computerspielen und deren Inhalt haben. Was meinst du: Alles nur Populismus und Aktionismus?

Matthias: Ich selbst sehe die Inhalte von manchen Spielen auch sehr kritisch und halte andere für schlicht geschmacklos. Ebenfalls gehören solche Spiele nicht in die Hände von Kindern und Jugendlichen. Die Praxis zeigt aber, dass diese viel zu leicht an solche Spiele gelangen. Es besteht also Handlungsbedarf, aber ein generelles Verbot von jugendgefährdenden Spielen für Erwachsene würde ich als unverhältnismäßig ablehnen. Ich sehe dort vielmehr die Eltern in der Verantwortung, die ihren Erziehungspflichten nachkommen sollten.

Zufallsfaktor: Auch in anderen Ländern werden brutale oder gewalthaltige Computerspiele gespielt. Allen voran den USA, Japan und auch Kanada. Diese scheinen allerdings kein ernst zunehmendes Problem mit den Spielen zu haben. Was ist dort anders?

Matthias: Das zu beurteilen geht wohl über meine Qualifikation hinaus. Ich würde einen leichtfertigeren Umgang mit Gewalt in den Medien aber nicht unbedingt als positiv ansehen. International scheint das deutsche System sogar als Vorbild zu dienen. So werden z.B. sowohl in Kalifornien als auch in Florida Anstrengungen unternommen den Jugendschutz zu verschärfen. Selbst Österreich will das Jugendschutzgesetz dahingehend ändern, dass es den Schutz von Kindern und Jugendlichen besser gewährleistet.

Zufallsfaktor: Die großen Spiele-Publisher (EA usw.) sprachen sich freilich gegen ein Verbot von Computerspielen in Deutschland und Anderswo aus und versuchten die angeblichen Risiken zu relativieren. Ist dieses nur Angst ums liebe Geld oder ein tatsächlicher Einsatz für die Käufer/Konsumenten?

Matthias: Zunächst sollte man darauf hinweisen, dass bereits jetzt durch den § 131 StGB gewaltverherrlichende Videospiele verboten sind. Es geht lediglich um eine mögliche Ausweitung des Verbotes. Speziell bei EA sehe ich keine Verharmlosung der Gefahren, dort arbeitet man sogar aktiv an der Aufklärung. Martin Lorber forderte in einem Chat der BPB lediglich, dass bei der Bewertung von reinen Erwachsenenspielen doch mit dem gleichen Maß wie bei Gewalt in Büchern oder Filmen gemessen werden solle.

Eine Eigennützigkeit des Engagements wird sich wohl nicht von der Hand weisen lassen, auch wenn man bei einem Verbot von solchen Spielen (machen etwa 5-7 %) aus, wohl keine Existenzängste haben muss.

Zufallsfaktor: Welches sind eigentlich deine derzeitigen Lieblingsspiele? Dein Einsatz kommt schließlich nicht von ungefähr, oder?

Matthias: Ich selbst spiele vorrangig online-Shooter, da die KI in vielen Spielen oft keine wirkliche Herausforderung ist. Menschliche Mit- und Gegenspieler bringen einfach viel mehr taktische Tiefe in das Spiel. So spiele ich regelmäßig „Wolfenstein: Enemy Territory“. Im Moment verbringe ich meine Zeit aber mit dem Strategiespiel „Medieval II“.

Zufallsfaktor: Okay, und nun noch eine letzte Frage: Wenn es tatsächlich irgendwann zu einem Verbot von "gewalthaltigen Computerspielen" – sog. Killerspielen – kommen würde, was würdest du tun?

Matthias: Dazu müsste ich erst einmal wissen, welche Reichweite das Verbot haben würde. Bei dem aktuell diskutierten Vorstoß von Bayern würde sich für mich wohl nichts ändern, da die von mir genutzten Spiele wahrscheinlich nicht unter das Verbot fallen würden. Allgemein gehe ich davon aus, dass durch diese Initiative höchstens eine Hand voll Spiele mehr verboten werden würden. Man scheint das Verbot auch eher als Signal anzusehen, dass Eltern für die Gefahren von Videospielen sensibilisieren soll.

Zufallsfaktor: Vielen Dank für das Interview.

Anmerkung: Dieses Interview hatte ich Ende Ä07 für mein 'altes' Blog – den Zufallsfaktor – geführt. Wenig später wurde es von der GameStar auf- und mit meiner Genehmigung übernommen.

0 Comments: